Depression

Sport und Burnout

Joggingin the forest

Ich bin vielleicht zwei, drei Mal hintereinander Laufen gegangen, dann war wieder für einige Woche Schluss mit dem Sport. Aber gerade dort, wo der Schweinehund am Größten ist, liegt das Potential. Als depressiver Mensch brauchst Du leider ewig, um Dich zu motivieren und um überhaupt sportlich aktiv zu werden. Der Körper fühlt sich doppelt so schwer an und schon das Überleben ist eine harte sportliche Aktivität. Als Burnout-Kandidat neigt man leider dazu, sich ständig zu überfordern. Das führt dazu, dass Du erst gar nicht in die Spur kommst oder Du zu hohe Ansprüche an Dich hast, dass Deine Messlatte nicht zu erreichen ist und Dich Dein zu hohes Ziel deprimiert. Die Katze beißt sich wieder selbst in den Schwanz.

Gehirnwäsche: Sport treiben

Da ich in meiner depressiven Zeit stets reflektiert war und mir darüber im Klaren war, dass ich etwas gegen meine dunkle Stimmung tun muss, war Sport für mich ein großes Thema.

In jedem Artikel über Burnout oder Depression liest man, dass Sport ein sehr wichtiger Faktor ist und Dir helfen kann, gesund zu werden.

Wie eine Gehirnwäsche schreit diese Information aus den unzähligen Ratgebern. Auch in meinem Rehaklinik-Aufenthalt machte man daraus ein großes Topic.

Ich ging also ins Fitnessstudio, machte Cardio und Krafttraining. In der Stadt nahm ich das Fahrrad oder ging in den Park joggen. Ich nahm mir so fest vor, gesund zu werden und wollte dafür alles geben. Nach ein paar Monaten nannte mich meine Freunde „Madonna“ oder sagten zu mir „ Ey, zeig ma Bizeps!“ Ich hatte einen Sixpack, einen durchtrainierten und perfekten Body…und ich war depressiv! Ich hatte es übertrieben. Meine Hülle war sportlich und vital, meine Seele traurig und kaputt. Dabei wollte ich nur gesund werden und habe genau das Gegenteil erreicht. Ich habe mich überfordert und meine Grenzen nicht erkannt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich kein Gefühl für Achtsamkeit. Ich schmiss also hin oder konnte mich immer weniger motivieren.

Und dann kam Yoga ♥

Yoga girl

Leichter Sport, bei dem ich meine Muskelermüdung nicht spürte, war kein Sport für mich. Über Yoga machte ich Witze. Es war eher Entspannung als Sport. Ich wollte schließlich Resultate sehen. Entspannung konnte ich nicht sehen, spüren erst recht nicht. Heute weiß ich, wie anstrengend Yoga sein kann und wie sehr es alles das schult, was ich zu diesem Zeitpunkt so nötig hatte. Yoga trainiert die Tiefenmuskulatur. Es fördert die Ausdauer, nicht den Bodybuilder.

Yoga kommt dem Burnout in die Quere.

Im Burnout-Arbeitstier-Modus bin ich schnell, effektiv, zielgerichtet, ein Junkie, ein Fass ohne Boden und windig. Beim Yoga bin ich ruhig, ausbalanciert, flüssig und standfest. Langfristig trainiere ich genau den Ausgleich, den ich auf das Leben übertragen kann. Es macht mich ruhig und schult meine Balance zwischen Arbeit und Freizeit, Yin und Yang und Verbissenheit und Hingabe.

Achtsam Joggen gehen

Diesen Ansatz konnte ich beim Thema Joggen anwenden. Nach meiner Sportüberforderung konnte ich mich selten aufraffen, laufen zu gehen. Wenn ich es schaffte, dann musste es eine bestimmte Strecke sein. Diese wollte ich in einer gewissen Zeit schaffen, mit einer Herzfrequenz und so weiter. Ich hatte, ohne überhaupt losgelaufen zu sein, schon so viele Ansprüche an mich, die kein trainierter Läufer einhalten konnte. Nach dem Joggen war ich dann so k.o, dass ich für die nächsten Wochen genug hatte. Da kam ich auf ein paar sehr einfache, aber logische Tricks. Und wieder war es mein Hund, der mich darauf brachte.

Statt schnell noch loszuhetzen, um Laufen zu gehen, sah ich das Laufen nicht mehr als Sport, sondern, wie beim Yoga, als Auszeit oder einen Spaziergang mit dem Hund an. Ich lief meine Runde und spürte in meinen Körper. Sobald ich ein Gefühl von Erschöpfung hatte, ging ich langsam und schraubte den Anspruch herunter, die ganze Runde in einem zügigen Tempo schaffen zu müssen. Ich legte mir einen Plan zurecht, wann ich Joggen wollte und hielt diesen ein, egal ob ich rannte, mal zwischendurch eine Pause machte oder die ganze Runde sehr langsam lief.

Das einzige Ziel dabei war: Diese Runde ist meine Auszeit und die gebe ich mir.

Achte auf Deine Tagesform

Egal, ob ich diese Runde laufe, gehe oder schleiche. Das kommt ganz auf die Tagesform an. Denn unser Körper ist jeden Tag in einer anderen Verfassung. Depressionistas wissen, wovon ich rede. Zusätzlich spielen die Hormone und der Zyklus bei Frauen eine starke Rolle. Zyklusbedingt fühlen wir uns an manchen Tagen wie erschlagen. Dann also laufe ich eine Runde, bin aber wesentlich langsamer unterwegs. Diese Einsicht hat mir geholfen, von der Denkweise einer Maschine Abstand zu nehmen. Mein Denkschema war einfach: Je mehr ich trainiere, desto besser werde ich. Ich verbessere mich proportional zum Training. Tage, an denen ich schwach bin und mich verschlechtere, dürfen nicht vorkommen. Ich war zu hart und vergaß die vielen Einflüsse, denen ich ausgesetzt bin.

Schalte die Maschinen ab!

Ich vergaß, dass ich keine Maschine bin. Heute nutze ich daher auch keine Maschinen, um meinen Körper zu messen. Ich tracke keine Kilometer, messe keine Zeit, keinen Puls und ich wiege mich nicht. Das alles ist für BurnoutKandidaten mit Hang zum Perfektionismus viel zu fatal. Du siehst eine Zahl, der Du eigentlich nicht vertrauen kannst. Das Gewicht zum Beispiel steigt beim Sport, während dein Umfang sinkt. Folglich wirst Du schwerer, weil Muskelmasse schwerer als Fett ist. Du treibst Sport, aber bist deprimiert, weil die Zahl auf der Waage steigt oder still steht. Obwohl Du auf dem richtigen Weg bist und etwas für Dich tust, gibst Du auf, weil Dir eine Maschine sagt, dass der Sport, den Du treibst, keine positiven Ergebnisse liefert.

Der Peace-Faktor:

Heute ist mein Ziel beim Laufen die Auszeit, die ich mir nehme und nicht das Ergebnis, dass ich an einer Zahl ablesen kann. Es ist nicht die Zeit, die Geschwindigkeit oder Strecke, die zählt, sondern die Regelmäßigkeit und die Pause, die ich mir gönne. Es ist die Einsicht, dass das Leben auf und ab geht und wir ständig um einen Zustand der Perfektion kreisen.

Das Leben ist voll von Kurven. Voll von Höhen und Tiefen und Tiefpunkte sind keine Punkte der Schwäche, sondern liefern den Schwung für die Höhen.

 

| Photo by Dustin Scarpitti on Unsplash

 

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