Hund

Wenn Dir Dein Hund den Spiegel vorhält

girl with border collie

Als ich mir die kleine Border-Collie-Hündin Aura in ihrer Hundefamilie anschaute, fiel mir auf, sie hatte etwas ganz besonderes. Während ihre sieben Geschwister mich ansprangen, herumtobten und mich mit Aufmerksamkeit überhäuften, lag die kleine Aura scheinbar unbeeindruckt in einem Gebüsch und kaute an ihrem Knochen. Die Hündin hatte etwas, dass ich sehr sympathisch fand. Sie war ein bisschen so wie ich.

Die Hündin war vollkommen unbeeindruckt

Sie machte ihr eigenes Ding, lieber etwas abseits vom Trubel und war etwas schüchtern, obwohl man ihr das auf den ersten Blick nicht ansah. Leider war sie schon reserviert. So verbrachte ich den halben Tag auf dem Hof und konnte mich nicht entscheiden. Ich mochte die anderen Hunde, aber konnte kein Band zu ihnen aufbauen. Das Band war zwischen mir und dem einzigen Hund auf dem Hof, der mich noch nicht einmal begrüßt hatte. Die Besitzerin spürte das, obwohl ich es kaum angedeutet hatte. Sie blickte mich an und sagte zu mir:

“Nehmen sie die Hündin mit. Bei Ihnen wird sie das Besten zu Hause haben, das wir uns vorstellen können.“

Ich traute meinen Ohren nicht und wahr fassungslos vor Glück. Die Züchterin hatte es gespürt und trotzte der Reservierung. Ich nahm die kleine Hündin mit nach Hause und taufte sie nach diesem Geschehen auf den Namen „Aura“.

Nach diesem Tag schwor ich mir eines ganz besonders: Ich werde der Hündin, so wie es die Züchterin sagte, das schönste zuhause bieten, dass ich ihr ermöglichen kann. Dieser Tag war mit Abstand der glücklichste in meinem Leben. Ich hatte nach etlichen depressiven Monaten und meinem Burnout das erste Mal wieder ein Gefühl von Freude, Glück und Schmetterlingen im Bauch. Dieses Gefühl hält bis heute an, wenn Aura und ich uns Blicke zuwerfen.

Die ersten Tage Zuhause

Aura war 16 Wochen als sie zu mir kam. Ich bin ein Fan davon, die Welpen möglichst lange bei der Mutter und den Geschwistern zu lassen, sodass sie viele Social Skills in der Hundefamilie erlernen können. Man hat dann zwar keinen super kleinen süßen Puppy Zuhause, aber einen von Hundepfoten sozial erzogenen Halbstarken. Haben Mutter und Geschwister einmal einen Grundstein gelegt, hat man ein Fundament in der Erziehung, auf das man gut aufbauen kann. Das entschädigt ein paar Wochen weniger Hundebabykuscheln.

Zuhause angekommen bestätigte sich mein erster Eindruck. Sie war mir ähnlicher als ich annahm. Mein Leben war zu dieser Zeit von Angst, Sensibilität und Unsicherheit geprägt. Ich ging nur noch vor die Tür, um nicht zu verhungern. Auch Aura war sehr ängstlich, sensibel und unsicher. Vor die Tür zu gehen, schien unmöglich und etwas zu viel Energie in ihrer Nähe ließ sie sofort zusammenbrechen. Fremde Leute, Autos und Fahrräder waren Horror. Von fremden Hunden will ich erst gar nicht anfangen. Und da wurde mir etwas bewusst: Ich hatte mich nicht nur für einen Hund entschieden, der mir verdammt ähnlich war, sondern dessen Leben ich nun in der Hand hielt. Und von da an wusste ich, dass ich nun für uns beide stark sein muss.

Ich hatte ihr ein ganz besonderes Leben versprochen und das hielt ich ein. Ich nahm mir für die kleine Aura mehr Zeit als manche Mütter für ihr eigenes Kind. Wir trainierten zusammen soziale Begegnungen und Straßenimpressionen. Ich gab ihr die Zeit, die sie benötigte, um sich an neue Dinge zu gewöhnen. Am Anfang brauchten wir 30 Minuten für 100 Meter Gassiweg. Sie schmiss sich auf den Boden, rannte ins Gebüsch und ich wusste, ich muss die Nerven behalten. In meinem bisherigen Leben war die Zeit mein größter Feind. Bei mir musste immer alles schnell und effektiv sein. Zeit hatte ich nie. Ich war ständig gestresst. In Momenten mit einem kleinen ängstlichen Welpen kannst Du nicht schnell und effektiv sein. Vor allem nicht gestresst. Die Stress-Energie spürte sie sofort und das noch bis heute. Wenn wir in Stresssituationen kommen, dann übergibt sich Aura.

Ich gab ihr die Freiheit

Ich begriff ziemlich schnell, dass ich ihr genau diese Freiheiten geben musste, die ich selbst so nötig hatte. Zu oft fühlte ich mich, als schnürte mir jemand die Luft ab und presst mich in eine Form, die mir nicht passt. Ich fühlte mich von der Gesellschaft gefesselt und wollte eigentlich nur frei sein. Zu oft fühlte ich mich von fremder Hand geführt und an der kurzen Leine gehalten. Ich entschloss mich, Aura von der Leine zu lassen, obwohl wir uns noch nicht richtig kannten. Sie an eine Schnur zu fesseln, entsprach nicht meiner eigenen Natur und meinen Vorstellungen an ein Leben ohne Angst.

Nachdem ich mit Aura zwei Wochen zusammenlebte, fuhr ich mit ihr an die Ostsee. Es war ein großer Sprung für mich. Ich war seit Ewigkeiten nicht im Urlaub und hatte Angst vor der Fremde. Doch Aura mobilisierte mich. Ich hatte eine Mission. Ich wollte ihr das Meer zeigen und die Weite. Es schien mir der beste Therapieplatz für einen Hund, der die gleichen Probleme hatte, wie ich.

Ohne Leine, aber mit einem Band fürs Leben

Es dauerte eine Weile bis wir in ihrem Tempo die Dünen überquerten. Ich lief mit ihr ans Wasser und dann schnallte ich sie ab. Keine Leine, keine Geschirr. Nur das Meer, der Strand, Aura und ich. „Und jetzt los“, sagte ich. Aber Aura blieb. Sie blieb Kilometer neben mir, erkundete den Sand, das Wasser und den Schaum der Wellen. Um einzelne Spaziergänger machte sie einen großen Bogen und kam, nachdem wir sie passierten, wieder an meine Seite. Bei Hundebegegnungen versteckte sie sich mit eingezogenem Schwanz hinter mir. Ich gab ihr den nötigen Schutz, bis sie etwas mutiger wurde und ich ihr in Gedanken Sätze schickte, wie: „Du kannst das auch alleine, trau Dich.“

Wir schliefen beide in einem Zelt und hier stellte ich unser Band auf die Probe. Du kannst einen Welpen nicht in ein Zelt sperren. „Entweder sieht haut ab oder sie bleibt“, dachte ich. Und sie blieb. Abends, wenn ich noch eine Weile vor unserem Zelt saß, kam sie jede halbe Stunde aus unserer neuen Höhle und schaute, ob ich noch da war. Beruhigt ging sie dann wieder schlafen. Von da an wusste ich, wir sind jetzt ein Rudel. Zwei Wochen, nachdem ich Aura das erste Mal gesehen hatte, erkannte ich:

Eine Leine benötigen wir nur noch für die Menschen, die vor uns Angst haben.

Sie fing an, mich zu lesen

Mit jedem Tag, den wir miteinander verbrachten, merkte ich, wie sehr sie meine Körpersprache und meine Gedanken lesen konnte. Je unsicherer ich in einer Situation wurde, oder je weniger ich uns eine Situation zutraute, desto ängstlicher wurden wir beide. Wir konnten uns in Situationen gegenseitig hochschaukeln. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, negative Hundebegegnungen bei der nächsten Begegnung mit einem Hund auf null zu setzen. Ich unterstützte die neuen Situationen mit positiven Sätzen oder drehte mich sogar um, sobald ich merkte, dass ich Angst bekam. Angst bekam ich schnell, wenn große Hunde auf mein Hundebaby losrannten. Ich verstand, dass Erinnerungen an Situationen und Gefühle aus der Vergangenheit in der Hundeerziehung und Charakterstärkung nichts verloren hatten.

Das Gesetz der Resonanz

Diesen Gedanken konnte ich auf meine depressive Gefühlswelt anwenden. Triggerte mich eine bestimmte Szene aus der Vergangenheit, dann lenkten Körpersprache und Anspannung die Situation in eine bestimmte Richtung. Das Gesetz der Resonanz erklärt das Phänomen am besten. Ich rief genau das Ergebnis herbei, welches sich in meinem Kopf abspielte. Und schon wurde meine Annahme bestätigt und der Kreislauf schloss sich.

In der Hundewelt bemerke ich das Phänomen bei kleinen Hunden. Hatten die Kleinen einmal ein negatives Ereignis mit einem fremden Hund, so haben ihre Besitzer bei der nächsten Begegnung die Anspannung der negativen Situation im Kopf. Das überträgt sich auf die Hunde und schon ist die Begegnung nicht ganz so nett. Beim nächsten Zusammentreffen werden die Kleinen dann von Herrchen oder Frauchen auf den Arm genommen. Warum? Weils sie es können! Die Hunde merken sich: „Anderer Hund bedeutet Arm und Arm heißt Gefahr. Sind sie dann mal nicht auf dem Arm, verteidigen sie sich durch ängstliches Kläffen.

Ich lernte über mich und über Border Collies

Aura kam nicht auf den Arm. Sie hielt mir in der Hundeerziehung stets den Spiegel vor und ließ mich allmählich begreifen, was es heißt, mich in ängstlichen Situationen zu entspannen. Sie lernte schnell und forderte mich gleichzeitig. Bis heute. Ein Border Collie ist kein Hund für nebenbei. Sie ist ein Vollzeitjob. Ich kenne Horrorstorys von Border Collies die vor Langeweile auf Steinen kauen, bis sie keine Zähne mehr haben. Werden die Hunde nicht gefordert und beschäftigt, werden sie depressiv. Zudem sind sie so arbeitswillig, dass sie eher umkippen, bevor sie aufhören das zu tun, was man von Ihnen verlangt. Sie sind Burnout-Kandidaten. Spielt man zu lange mit ihnen das Ballspiel, werden sie süchtig. Ich hatte mich zwar im Vorfeld darüber belesen, dass diese Rasse nichts für Unerfahrene ist und viel Aufmerksamkeit benötigt, dass sie mir jedoch im ganzen Wesen ähnelte, war ein Segen. Nun erkannte ich, was ich für uns beide tun musste.

Peace-Faktor:

Erst ein Border Collie konnte mir zeigen, wie rücksichtsvoll ich mit meinen Ressourcen umgehen sollte. Für meinen Hund war ich die fürsorgliche Hundemutter, die alle Antenne ausfuhr und sofort erkannte, sobald der Hund über-oder unterfordert war, Stress ,Angst, Durst, Hunger, Verstopfungen, Gänsehaut, Schweißausbrüche, etwas zwischen den Zehen oder sonstige Wehwehchen hatte. Ich lernte sie zu lesen und konnte allmählich ihre Bedürfnisse auf meine übertragen. Aura lehrte mich, achtsam mit mir selbst zu sein. Arbeite ich zu viel, zeigt sie mir, wie nötig eine Pause ist. Situationen, die für sie Stress bedeuten, sind für mich auch zu viel. Zu wenig Bewegung tut uns beiden nicht gut. Um Menschen mit schlechter Energie machen wir beide einen großen Bogen und ihre tägliche gute Laune reißt mich mit.

Sie ist mein Blindenhund für Momente, in denen ich meine eigenen Bedürfnisse nicht erkenne und meinen Körper nicht spüre. Sie öffnet meinen Blick für mehr Bewusstsein und Ausgeglichenheit.

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3 comments

  1. Wow, wirklich wunderschön geschrieben! 💖 Aura kann wirklich super froh sein dich als Hundemama zu haben und du kannst wahnsinnig stolz auf dich sein! 😊
    Ganz liebe Grüße

    1. Hej Janine, vielen Dank für Deine lieben Worte. Aura ist ein Segen für mich!!! <3

  2. Ich hatte während meiner Familienzeit zweimal einen Tibet Terrier. Einer wurde 14 der zweite 15 Jahre alt. Das waren 30 Jahre meines Lebens. Danach beendete ich die Ehe und ging in die Wüste. Alles Liebe Dir…..

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