Depression

Burnout oder Depression?

depressive girl with burnout hands

Zu Beginn meiner Diagnose “Burnout” war ich ganz schön verunsichert. Die Ärzte diagnostizierten ein Burnout, sprachen aber von einer Depression. Wo liegt da eigentlich der Unterschied?

“Depressiv? Versteh ich nicht!”

Als depressiver Mensch ist es sehr schwer, sich in der Gesellschaft zu behaupten. Es ist kein Geheimnis, dass Du der Loser der Nation bist, sobald Du dich outest. So fühlte es sich jedenfalls für mich an. Du kannst nicht mit dem Strom schwimmen? Geh sterben! Viele Leute tun verständnisvoll, sind erstaunt oder wissbegierig, aber verstehen am Ende nichts von der Krankheit. Man versteht ja selber nicht, was mit einem los ist. Als Depressiver hat man einen gewissen Behindertenstatus und wird gleichzeitig für verrückt erklärt. Wenn man dann noch jung und depressiv ist, erntet man noch mehr faule Lorbeeren. „In Deinem Alter depressiv?  Die Jugend von heute. Hat alles und jammert trotzdem rum.“ Und immer hatte ich das Gefühl, die Leute denken, ich simuliere. Ich habe mal wieder keinen Bock etwas zu unternehmen oder halte mich für etwas Besseres. Manchmal glaubte ich das sogar selber, weil diese Krankheit so manipulierend wirkt.

Tatsächlich aber arbeitete mein Körper auf hochtouren. Ich fühlte mich als müsse sogar mein Blut kämpfen durch meine Venen zu fließen, um meinen Körper irgedwie versorgen zu können. Alles ist zäh, kostet extrem viel Energie und die Aussichtslosigkeit nagt an deiner Stimmung. Nichts hat irgendwie Sinn und jede tägliche Aufgabe ist eine zu viel.

Der Begriff “Burnout” ist gesellschaftsfähiger

Sobald ich jedoch den Begriff „Burnout“ verwandte, waren die Leute seeeehr verständnisvoll. Das Burnout hat nämlich in seiner Schublade ganz viel Arbeit geleistet. Der Burnout-Kandidat hat sich für die Gesellschaft krank gearbeitet und erhält deshalb eine extra große Tüte Mitleid. Er ist sehr zielstrebig und aufopferungsvoll für die Gemeinschaft. Eine Maschine, mit ähnlichen Symptome eines Depressiven, allerdings mit viel mehr Anerkennung. Den “Versagerstempel” erhälst Du trotzdem.

Die Klinik macht keine Unterschiede

Meine Rehaklinik machte keine Unterschiede zwischen Burnout und Depressionen. Dort fand man eine einfache Erklärung: „Ist beides das gleiche! Nur wurde der Begriff „Burnout“ von einem Mann erfunden und macht den Begriff dadurch gesellschaftsfähiger.“ Wahrscheinlich war das auch die Begründung, ihr ermüdendes Programm für alle Patienten jeden Alters und jeglicher Diagnose zu generalisieren. Spätestens nach diesem Klinikaufenthalt war man depressiv.

In der Klinik waren Leute, die aus ganz verschiedenen Ursachen dort waren. Diese Vereinheitlichung ging mir gegen den Strich. Wenn ich so zurückblicke, dann sehe ich: Depressive, depressive Depressive, depressive Bunrouts, Burnout-Depressive und Burnout-Kandidaten.

Was sind Depressionen?

Die Depression allgemein ist für mich eine Krankheit ganz unterschiedlicher Ursachen mit langer Vorgeschichte. Ich leite sie aus den beiden Wörtern „De“ und „press“ ab. Und zwar habe ich etwas unter – drückt, runtergeschluckt oder nicht wahrgenommen. Es gibt unzählige Dinge, die man verdrängen kann. Deshalb gibt es auch unzählige Depressions-Auslöser. Unbearbeitete Themen führen auf Dauer sogar dazu, nicht mehr Leben zu wollen.

Was ist ein Burnout?

Ein Burnout ist keine medizinische Diagnose und ähnelt sehr einer Depression. Wann sich jemand depressiv oder ausgebrannt betitelt, liegt daher im eigenen Ermessen.

Depressive Depression

Depressive Depressive sind Menschen mit rezidivierenden depressiven Episoden, also immer wiederkehrenden Depris. Das kann körperchemische Ursachen haben, aber auch ungelöste Probleme, wie unveränderte Lebensumstände oder innere Denkmuster.

Depressives Burnout

Depressive Burnouts können zum Beispiel auftreten, wenn einem Burnout eine oder mehrere depressive Episoden vorhergingen. Dies tritt zum Beispiel bei falschen Glaubenssätzen oder zu hohen Erwartungen an sich selbst auf. Die Krankheit entsteht, weil man dem hohen Ziel nie gerecht wird. Hohe Erwartungen deprimieren auf Dauer und laufen wie eine Grundrausche mit. Irgendwann kollabiert dann das System durch den hohen Leistungsdruck. Diagnose: Burnout.

Burnout Depression

Bei Burnout Depressiven gehe ich beispielhaft davon aus, dass sie vor dem Burnout keinerlei Depressionszüge hatten. Der Burnout-Depression geht ein klassisches Burnout voraus. Sie haben eine Weile lang zu viel gearbeitet und sind deshalb ausgebrannt. Hier zeigt sich der Unterschied am Deutlichsten. Die Depression entsteht, weil der Körper nicht mehr so arbeitet, wie man es gewöhnt war. Die Maschine ist kaputt. Das löst Missmut, Unzufriedenheit und Grübelattacken aus.

Wo ist der Unterschied?

Es gibt sicherlich auch Mischformen, wie zum Beispiel Depression – Burnout – Depression, aber eins haben alle gemeinsam: eine defekte Programmierung und Themen, die bearbeitet werden müssen.

Es sind falsche Glaubenssätze, falsche Einstellungen und falsche Erwartungen.

Ganz grob könnte man ein Burnout auf die Arbeitswelt beziehen und die Depression ins Private verlagern. Ich finde das allerdings zu ungenau, denn einen Job zu haben ist heutzutage die Norm. Wenn jeder arbeiten geht, dann würde die Diagnose immer Burnout lauten, denn ein Zusammenbruch fällt meistens auf, wenn man nicht mehr arbeiten kommt. Und eine andauernde Depression, bei der man sich jeden Tag zur Arbeit schleppt, führt zu einem Zusammenbruch auf der Arbeit.

Ich bin rezidivierender Depressionista mit Burnouterfahrung und für mich ist das Burnout eine Vorerkrankung oder Vorstufe der Depression und die Depression eine langfristige Krankheit.

Das Burnout ist ein Ereignis, ein Crash, ein Zusammenbruch des Systems. Es kann eine Begleiterscheinung der Depression sein oder in sich in eine Depression verwandeln. Es ist viel kürzer als Jene, hat allerdings ähnliche Symptome wie Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Angst und Sinnlosigkeit.

Die Grenzen verschwimmen stark. Dennoch sehe ich eine ganz klaren Unterscheid: Das Burnout ist ein Teil falscher Glaubenssätze, die zur Überfoderung geführt haben:

Es ist ein “Zu viel wollen” in zu kurzer Zeit.

Wurden die Glaubenssätze durch Selbstdruck und Überforderung nicht erreicht, ist man ausgebrannt und deprimiert. Es kann eine depressie Episode folgen. Eine Auszeit, die sich der Körper holt. Die Trümmer nach dem Crash.

Die Depression besitzt zudem einen Leidensdruck, der bis in den Selbstmord reichen kann. Eine Depression ist je nach Ausprägung selten in ein paar Wochen Krankmeldung oder Kur zu heilen, während ein Burnout, eine ausgebrannte Überforderungsphase kürzer ausfallen kann.

Peace-Faktor:

Ob Burnout, Depression, depressives Burnout oder sonst was, es ist ein Alarmzeichen. Ein Zeichen, dass wir in einer Welt leben, in der diese Krankheiten aus dem Boden schießen und immer früher auftreten. Es wird Zeit das Thema gesellschaftsfähig zu machen. Depression ist keine schlechte Laune und Burnout darf kein billigender Beigeschmack der Leistungsgesellschaft sein.

| Photo by Jacqueline Day on Unsplash

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One comment

  1. […] diesem Zeitpunkt war ich inmitten eines Tiefpunktes. Ich vegetierte ein dreiviertel Jahr meines Burnouts vor mich hin, ging zur Verhaltenstherapie, nahm Medikamente, versuchte meinem Leben wieder einen […]

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