Depression

Die Welle der Depression

hand and water

Es ist ein ständiger Wechsel zwischen Ebbe und Flut. Du hoffst, die Flut bleibt fern, aber sie kommt. Es fängt langsam an. Und wenn die Depression näher kommt, dann sagst Du:“ Diesmal wird es nicht so schlimm. Hoffentlich!“ Das Wasser steigt und irgendwann steht es dir bis zum Hals.

Die Welle

Es ist ein Gefühl von Abgeschlagenheit, Überforderung, Ratlosigkeit, und Energielosigkeit. Der Körper ist schwer. Das Blut ist dick, als hätte es Schwierigkeiten zu fließen. Der Körper verliert seine Vitalität. Du bist schlapp, jede Bewegung ist anstrengend. Die Augen brennen, das Gesicht ist trocken. Du bist gereizt. Die Stimmung ist im Keller. Es gibt nichts, was Dich aufmuntern könnte. Wirklich gar nichts! Jeder Kontakt ist zu viel. Es geht ums Überleben. Die Welle überstehen, denn Deine Ressourcen sind knapp. Du versuchst zu schwimmen, aber Du hast Steine im Bauch.

Ich werde oft gefragt: „Warum kannst Du nicht schwimmen?“ Das frage ich mich auch. Alle um mich herum können schwimmen. Sogar im Haifischbecken. Wenn die Welle kommt, dann werde ich schwer und drohe unterzugehen. Eine Erklärung habe ich dafür nicht. Jedenfalls keine so einfache.

Ändere Dein Leben…pfff!

Obwohl ich achtsam bin und mir einen umfangeichen Werkzeugkasten zugelegt habe, kommt die Welle heute noch. Es ist ständiger Prozess. Wie ein YoYo-Effekt bei einer Diät. Wenn Du nicht aufpasst und wieder in alte Muster verfällst, wirst Du wieder dick. Entweder änderst Du Deine Gewohnheiten oder Du wirst früher oder später wieder 20 kg mehr auf den Rippen haben. Oder eben wieder in der Klinik landen. Und das auch noch Jahre später.

Wenn das so einfach wäre!

Es ist nicht nur ein Gefühl, ein Bad Mood. Es ist Selbsthass. Abgefucktheit gegen Dich selbst und alles, was von Dir kommt. Du bist scheiße und das sagt Dir Dein Kopf. Mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit prasseln Hasssätze auf Dich ein. Entwickelt aus Deinem Kopf heraus. Keiner kann Dich so sehr beleidigen, wie Deine eigenen Gedanken in Dir. Die vielen Steine in Deinem Bauch machen Dich schwer, Dein Blut ist Teer. Was ist das? Warum funktioniert hier nichts mehr? Dabei hast Du so auf Dich geachtet, schleppst Deinen Werkzeugkoffer mit Dir rum, aber ihr geht zusammen unter.

Hier geht es nicht um schlechte Laune

Schlechte Laune oder miese Stimmung ist das nicht. Es ist ein Kampf mit dem Leben und Dir selbst. Ab und an geht es nicht anders und Du gerätst mit anderen Menschen aneinander, weil Alles zu viel ist. Und, weil Du Dich selbst am Meisten hasst und Du kraftlos bist. Nett ist der kleine Bruder von Scheiße, denn nett und umsichtig kannst Du zu diesem Zeitpunkt nicht mehr sein. Wie ein tagelanges Fieber schleppst Du Dich durchs Leben. Von außen betrachtet sieht man Dir nichts an. „Kerngesund ist die Alte und schlecht drauf!“ Ihr habt keine Ahnung! In diesem Zustand bin ich eigentlich noch sehr höflich und versuche zumindest ein wenig gute Miene zum bösen Spiel zu treiben. Denn das haben wir Depressionistas jahrelang trainiert. Die Maske sitzt, aber der Körper und die Seele zerfallen allmählich.

Die Auslöser

Es kann so ziemlich alles sein oder auch alles zusammen, was eine Depression auslöst. Falsche Worte, schlechte Nächte, Ungerechtigkeiten, eine besondere Mondkonstellation, Stress, hormonelle Ereignisse, falsche Glaubenssätze, soziale Umstände, Überforderung, körperliche Dysfunktionen oder energieraubende Menschen. Oft fühlt es sich an, als unterliegt es dem Zufall, was wann wo triggert und eine Welle auslöst. Das jedenfalls ist mein Gefühl. Und plötzlich kommt es. Es kommt einfach über Nacht und Du weißt, die nächsten Tage oder Wochen musst Du überstehen. Egal wie!

Die Strategien

Ich habe schon einiges gegen die Welle ausprobiert. Ich blieb im Bett, versuchte zu schlafen und mich auszuruhen. Das führte jedoch dazu, dass mein Rhythmus durcheinander kam und das Spiel seinen Lauf nahm.

Ich zwang mich aufzustehen und alles wie geplant abzuliefern, als wäre ich ein Roboter. So verschob ich das Problem auf den nächsten Tag und machte die Welle größer. Die Symptome wurden körperlich und mein Körper reagierte mit Krankheiten. Von einer einfache Erkältung über hormonelle Probleme, wie Unfruchtbarkeit bis hin zur Gürtelrose.

Ich versuchte einen Mittelweg zu wählen. Ich gab mir ein paar Tage Pause und wollte danach wieder fit sein. Doch der Kopf, der versteht die Pause nicht. Du liegst im Bett und er hört einfach nicht auf zu labern. Du versuchst zu schlafen, doch der Film läuft im Traum weiter. Auf Knopfdruck pausieren ist einfach nicht möglich.

Ich wählte die Präventionstaktik. Wie schon am Beispiel der Diät erklärt, wollte ich mir einen Rhythmus schaffen, der es gar nicht zu einer Welle kommen lässt. Ich machte Achtsamkeitsübungen, wie ich es aus der Therapie kannte und nahm den Druck aus den Tagen, in dem ich sie nicht mehr so voll stopfte. Yoga und Sport wurden zu festen Ritualen und auch die Meditation kam nicht zu kurz. Mindestens einmal am Tag meditierte ich, auch wenn es nur zehn Minuten waren.

Schutzlos ausgeliefert

Du gibst Dir wirklich Mühe, bist achtsam und behandelst Dich wie einen rohen Diamanten. Doch dann geht’s wieder los. Du hast mal kurz nicht aufgepasst oder Dein Schutzschild nicht schnell genug gezückt. Manchmal reicht schon eine kleine Ungerechtigkeit, die die Schleuse öffnet. Die Hochsensibiltät wird zum Fluch. Ein Blick, eine Energie, ein Bemerkung, eine falsche Bewegung, Du bekommst es mit und es dringt hindurch. Es trifft Dich und Deine bösen Stimmen aus Deinem Kopf bekommen Futter. Egal, wie Du jetzt reagierst. Es ist falsch. Du zerbrichst Dir den Kopf, aber die Schleuse kannst Du an dieser Stelle nicht mehr schließen.

Alk hilft!?

Alkohol war in den Momenten stets ein Dämpfer. „Einfach mal einen saufen, wenn´s wieder los geht.“ Das machte mich taub, ich stumpfte ab und alles schien halb so schlimm. Die Sensibilität verschwand und die Stimmen im Kopf wurden leiser. Top-Idee! Bis zum nächsten Morgen. Da war alles doppelt so schlimm. Richtig schlimm! Alkoholdepressionen packen Dich am Hals, würgen und beschimpfen Dich und Du sitzt tiefer drin als vorher. Alkohol? Scheiß Idee. Am besten kehrst Du bei Depressionen dem Alkohol schneller den Rücken zu als Du dich umdrehe kannst.

Gibt’s jetzt einen Ausweg oder was? Ein Happy End?

Sobald ich die Welle kommen sehe, werde ich zu Wasser. Ich vereine mich mit ihr und mein Bewusstsein wird flüssig. Ich lasse alles zu, was kommt. Wenn mein Körper schlapp ist, ruhe ich mich aus. Ich sage Termine ab und halte nicht an meiner Tagesplanung fest. Ich komme in den Redefluss, ich äußere meine Bedürfnisse, nehme meine Maske ab und berichte den Menschen um mich herum, dass ich gerade einen Schub habe. Lange habe ich versucht, die Welle an mir abprallen zu lassen. Aber mein Fell ist nicht dick genug. Mein Panzer nicht schwer genug. Meine Mauer nicht hoch genug. Ich kann mich nicht abschotten. Ich bin zu aufmerksam, zu präsent und zu grübelig.

Auch bei Ebbe übe ich meine Schwimmbewegungen und mein Wasserdasein. Ich mache meine Rituale und meine Präventionen. Sobal mein Bauch mir bei einer Entscheidung ein Signal gibt, drehe ich um und gehe der Bauchentscheidung nach. Das mag vielleicht wankelmütig klingen, aber so kann ich meinem Bauchgefühl freie Fahrt lassen und die Richtung wechseln ohne etwas „zu müssen“, mich zu quälen und etwas in mir zu unterdrücken, dass später mit Nachdruck nach Außen will. Ich verbiege mich nicht oder halte großen Druck oder Schmerz aus, denn das wiederum führt zu einer neuen Depressionsattacke. Dann bricht der Wall und alles geht von vorne los.

Peace-Faktor:

Jede Biegung und jeder Kraftakt mit Druck oder gegen die eigene Bestimmung wird früher oder später die nächste Depression auslösen. Sei Dir darüber im Klaren, wenn Du Dich das nächste Mal verbiegst. Gib Dir die Freiheit, Dinge anders zu machen oder zu beenden. Und wenn Du willst, sogar gegen den Strom zu schwimmen.

Das ist mein Seepferdchen gegen die Depression. Du willst mitschreiben und erzählen, was Dir so hilft? Schreib ne Mail und los geht!

 

| Photo by nikko macaspac on Unsplash

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3 comments

  1. […] der Depression arbeite ich bereits. Und was ist mit den Wankelmütigen? Die, die nicht wissen, was sie wollen und […]

  2. […] Neues für mich, denn diese Haltung kannte ich schon. Immer dann, wenn rationale Alleskönner über Depressive quatschten. Ich war auch mal rational. „Was nicht erklärt werden kann, ist nicht wahr. Ich muss […]

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