Depression

Bist Du auch auf Antidepressivum?

Girl shaking head

Antidepressivum – die Wunderpille gegen Depressionen? Oder doch nur eine Geldmaschinerie der Pharmakonzerne? Gefühlt nimmt die Dinger fast jeder, aber wie wirken sie und was bringen sie?

Ich habe mich sehr lange aus mehreren Gründen gegen die kleinen Pillen gewehrt. Zum einen hätte ich mir wirklich eingestehen müssen, dass ich Depressionen habe, wenn ich mir die Dinger reinpfeife und zum anderen wollte ich meinen Körper nicht noch mehr belasten. Zusätzlich bin ich eine Kämpfernatur und wollte das auch ohne schaffen. Eine Pillenbekämpfung hätte etwas mit Schwäche zu tun gehabt.

Ich sagte „Ja“ zu den Medis

Dann aber kam der Tag, da wusste ich nicht mehr weiter. Ich hatte alles versucht. Ich hatte gekämpft, war verzweifelt und war am Boden. Da wedelte der Arzt erneut mit einem Rezeptchen. Es gab noch diese Möglichkeit, das wusste ich. Die Antidepris waren eine Alternative, die ich bis zuletzt aufgeschoben hatte. Außerdem war mir bewusst, dass mich mein Arzt nicht mehr ernst nehmen würde, sage ich noch einmal „Nein“ zu den Tabletten.

Jedes Mal, wenn ich zu den Tabletten „nein“ sagte, merkte ich, wie eine Energie durch das Patientenzimmer ging, die mir leise ins Ohr flüsterte: „Dann kann es so schlimm nicht sein.“

Es war aber schlimm. Trotzdem wollte ich aufs Verrecken keine Chemiekeule fressen. Ich hatte Angst vor den Tabletten. Ich wollte kein nächstes Problem auslösen. Denn ich kannte bis dahin keine Langzeitstudien und wollte keine Nebenwirkungen. Jeder weiß, wer mit Tabletten eine Krankheit in den Griff bekommt, löst eine weitere aus. Außerdem wollte ich die Ursache bekämpfen und nicht die Symptome. Doch zu diesem Zeitpunkt waren mir all die Gründe, die Medis nicht zu nehmen, egal, weil mein Gemütszustand nicht mehr auszuhalten war. Ich stimmte zu.

Ich bekam gleich zwei Antidepressiva verschrieben. Eines sollte ich bei Bedarf wie ein Schlafmittel nehmen und das andere täglich. Erst eine kleine Dosis und dann schrittweise erhöhen.

Das Schlafmittel

Das Schlafmittel hatte die erhoffte Wirkung völlig verfehlt. Es half mir zwar endlich wieder vor 5 Uhr morgens einschlafen zu können, aber am nächsten Tag lief ich wie eine Leiche durch die Gegend. Ich schlief, aber schlief doch nicht. Schlafmittel lassen Dich zwar annehmen, dass Du tief und fest geschlafen hast, leider kommst Du nicht in die wichtige Tiefschlafphase. Die Phase, die Dein Körper benötigt, sich zu regenerieren und Energie für den nächsten Tag zu generieren. Am nächsten Tag war ich kaum ansprechbar. Ich habe mich durch den Tag gequält, als hätte ich doch nicht geschlafen. Ich viertelte die Tablette, um die Dosis zu reduzieren, aber das Schlafmittel war keine Lösung für mich.

Das Antidepressivum

Ich erinnere mich noch genau an meinen ersten Abend auf Antidepressivum. Meine Mitbewohnerin und ich saßen in der Küche, wir unterhielten uns es war Zeit für mein erstes Viertel dieser Tablette. Nach kaum einer halben Stunde fühlte ich mich, als wäre ich besoffen. Ich konnte keiner Unterhaltung mehr folgen, meine Gesichtszüge entglitten und ich hatte nur noch den Wunsch ins Bett zu kommen. In dieser Grundstimmung war ich sowieso die ganze Zeit, aber die Tabletten nahmen mir den letzten Willen, mich außerhalb des Bettes aufzuhalten. So quälte ich mich noch eine halbe Stunde, musste dann aber unser Gespräch beenden und fiel sofort in meine Koje. In diesem Zustand lief ich ca. eine Woche rum. „Wenn man mit den Tabletten anfängt, ist das normal“, sagte mir mein Arzt. Der Körper benötigt eine Zeit, um sich auf die Tabletten einzustellen. Mir war dieser kraftlose Zustand egal. Mir war zu der Zeit sowieso alles egal. Ich wollte nur schlafen, denn ich war kurz davor, mich aufzugegeben. Die Tabletten verstärkten sozusagen mein kraftloses Gemüt.

Ich war müde von meinem Leben und den Tabletten.

Langsam erhöhte ich die Dosis, wie mit meinem Arzt besprochen und irgendwann kam ich in einen Zustand, da merkte ich nicht mehr, ob ich sie nahm oder nicht. Mein Körper hatte sich an die tägliche Dosis gewöhnt. Ich begann eine Therapie und nach drei bis vier Monaten verwandelten sich meine dunkelschwarzen Tage in graue Tage.

Wie wirken die Tabletten?

Die Tabletten wirken nie ohne Mitwirken. Therapie, Mut und Wille wurden von einem Pappmaul begleitet. Ich drohte zu ertrinken, so viel trank ich. Monatelang kam ich mir vor, wie ein Fisch. Ich spürte meinen eigenen Mundgeruch in den Pausen, die ich nicht an der Flasche hing. Meine Emotionen verschwanden. Genau wie meine Libido. Ich hatte auf den Smarties zwar keine dunkelschwarzen Tage, dafür aber auch keine hellen Tage und Sonnenschein. Alles pendelte sich in einer Art Gleichgültigkeit ein. Meine Kreativität verschwand. Mein Charakter änderte sich. Dennoch schien es, als hätten mich die Tabletten vor einer großen Dummheit bewahrt. Ich hatte zurück ins Leben gefunden und beschloss nach einem dreiviertel Jahr die Tabletten einzustellen.

Die Tabletten absetzen

Ich musste sie ausschleichen, langsam von der Dosis runterkommen. Das war einfacher als gesagt. Mein Körper zeigte heftige Reaktionen. Meine Hände kribbelten wie verrückt. Ich hatte Sekundenaussetzer. Mein Arzt riet mir, die Tabletten noch langsamer zu reduzieren. Das tat ich, aber mein Körper rebellierte weiter. Meine Anfälle waren so schlimm, dass ich mich kaum traute, mich auf ein Fahrrad zu setzten. Die Aussetzer kamen so überrascht, dass jeder Schritt von mir gut überlegt sein musste. Ein paar Tomaten zu schneiden, erforderte hohe Konzentration und Präsenz.

Hatte ich einen Aussetzer, war es, als ob mein Gehirn ohne meinen Körper ein Achterbahnlooping fährt.

Manchmal rollten meine Augen mit. ich viertelte, achtelte und sechzehntelte die Tabletten. Mein Arzt machte sich lustig, wie man von so kleinen Reduktionssschritten der Tabletten Nebenwirkungen haben konnte. Ich hatte Nebenwirkungen und ich fand es überhaupt nicht witzig. Ich erkannte das erste Mal, dass mein Körper nicht der unverwüstliche Panzer war, sondern äußerst sensibel. So sensibel, dass sich ein Arzt darüber lustig machte. Nach ca. drei Monaten und einer langen Phase der Tablettenreduktion verschwanden die Nebenwirkungen.

Das war meine erste Erfahrung mit Antipressiva. Im Nachhinein wäre es unfair zu sagen, sie hätten nicht geholfen. Die Tabletten in Verbindung mit der Therapie und meiner Willenskraft haben bewirkt, dass ich wieder auf den richtigen Weg fand. Dennoch war die Wirkungsweise mit einer Wesensveränderung verbunden und Nebenwirkungen, die teilweise unerträglich waren. Zu diesem Zeitpunkt war ich 25.

Das zweite Mal auf Tabletten

Als ich 28 war, hatte ich ein Burnout mit einer depressiven Episode. Ich bekam wieder Tabletten und obwohl ich die Vorgeschichte in meinem Köpfchen hatte, die Nebenwirkungen kannte und die Erinnerung an die Phase des Ausschleichens, habe ich sie genommen.

Es gibt einen Moment, da weißt Du, dass es nicht mehr ohne geht. Zumindest war das bei mir so. Ich nahm sie also wieder ein. Altes Spiel, alte Regeln. Aber diesmal blieb die Wirkung aus. Es vergingen Monate, aber es passierte nichts. So sehr ich mich anstrengte, die Tabletten auch mental und wieder mit Therapie, Sport, Ernährung und Achtsamkeit zu unterstützen, dieses Mal änderte sich nichts. Die Monate blieben schwarz, die Nebenwirkungen kamen zurück. Libidoverlust, Gelähmtheit, trockener Mund, Schläfrigkeit, LMAA-Stimmung. Mir war alles egal und noch viel egaler. Ich kam mir vor, wie eine 90 Jährige, die auf ihren Tod wartet. Die Tabletten machten mir mehr Probleme, als ich zuvor hatte. Mein Zustand stabilisierte sich nicht. Die Nebenwirkungen standen in keinem Verhältnis zur positiven Wirkung. Ich kam in die Klinik, nachdem ich ein Jahr lang das Antidepressivum nahm, welches mir vorher einigermaßen auf die Beine geholfen hatte.

Klinikaufenthalt mit Verkaufsentscheidung

In der Klinik wurde ich nach meiner Schilderung auf ein anderes Präparat eingestellt. Und dann passierte es. Ein paar Mal in der Woche fanden sich die Patienten zu Vorträgen zusammen. Mal ging es um Depressionen und wie sie entstehen, um Schlafstörungen oder um Präventionen. Dieses Mal ging es um Antidepressiva. Ein Arzt im weißen Kittel stellte sich vor die Menge und hielt ein Vortrag über die Wunderpillen.

Ich kam mir vor, wie ein Rentner auf einer Kaffeefahrt.

Er schwärmte in den höchsten Tönen von diesen Pillchen. „Antidepressiva haben keine Nebenwirkungen, lassen das Serotonin länger im synaptischen Spalt und im Handumdrehen sind Sie alle wieder gesund.“ Keine Nebenwirkungen? Googelt man „Antidepressiva und Langzeitstudie“ wimmelt es nur vor Schlagzeilen. „Potenziell tödiche Psychopharmaka“,  „Gefährliche Helfer“, „Antidepressiva können Spätschäden auslösen“…

Fragen wir mal die Experten

Die ÄrzteZeitung schreibt, dass auf dem DPGGN Kongress (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde), heftig über die Wirkung der Antidepressiva debattiert wurde. Die Experten waren der Meinung, dass viele der Medikamente in der Psychiatrie den Patienten langfristig mehr schaden als nutzen. Der Psychologe Professor Irvin Kirsch von der Harvard Medical School erkannte mit seinen Metaanalysen, dass die Unterschiede zwischen Antidepressiva und Placebo in den meisten Studien recht gering ausfallen. ER legte auf dem Kongress nahe, dass die Antidepressiva-Wirksamkeit in mehr als 80 Prozent auf dem Placeboeffekt beruhe. Das zeigen inzwischen auch eine ganze Reihe von Metaanalysen andere Arbeitsgruppen. Keine davon habe für Antidepressiva eine klinisch signifikante Wirksamkeit nach den britischen NICE-Kriterien nachweisen können. Zusätzlich erleiden Patienten häufig einen Rebound-Effekt. Das heißt, nach Absetzten der Pillchen erleiden die Patienten eine Art YOYO-Effekt. Sie werden erneut depressiv. Die britische Psychiaterin Dr. Joanna Moncrieff bezweifelt, dass Psychopharmaka überhaupt in spezifischer Weise ein gestörtes Transmittergleichgewicht wieder herstellen. Ihrer Ansicht nach fahren sie lediglich Hirnsysteme herunter, die für Psychosen benötigt werden. Langzeitstudien zeigen, dass eine Dauertherapie das soziale Funktionsniveau beeinträchtigen kann.

„Der Schaden kann den Nutzen übertreffen“, schreibt die ÄrzteZeitung.

Zurück in die Klinik

Bäääähm…das saß ich nun und blickte in die eben noch verzweifelten Gesichter der Patienten, die sich freuten, als stünde dort vorne ein Heiliger, der die Lösung für ihre Probleme mit sich brachte. Ich konnte nicht fassen, was da gerade passierte. Von da an, gingen 95% der Patienten jeden Morgen zum Tablettenschalter und holten sich ihre tägliche Portion „SOMA“ für ihre „Schöne neue Welt“. Ich ging von da an jeden Morgen zum Tablettenschalter, holte mir meine tägliche Portion „SOOOOOMA“ und rührte sie dem weißkittligem Messias in seinen vierten Frühstückskaffee. Ein paar behielt ich, um meinen Ausschleichprozess einzuleiten. Ich musste noch einmal durch eine Zeit der Gehirnachterbahn, aber diesmal wusste ich, das war das letzte Mal, dass ich diese Smarties in mich reinstopfte.

Peace-Faktor:

Die Recherche um die Tabletten und diese Verkaufsaktion des Oberoberoberarztes hatten in mir einen Kampfgeist ausgelöst. Ich wollte keine Langzeitfolgen, ich wollte an die Ursache. Ich wollte nicht in Lethargie und Gleichgültigkeit enden. Zwar haben mir die Tabletten in meiner ersten Phase irgendwie geholfen, es konnte aber auch ein Zusammenspiel aller Anstrengungen gewesen sein. Diesmal aber, als alter Hase auf dem Tablettengebiet, stand für mich fest, ich hatte Placebos mit Nebenwirkungen gefressen.

Ich habe bisher zwei Mal zum Antidepressivum gegriffen. Als ich keinen Ausweg mehr wusste und keinen Lebensmut mehr spürte. Bevor Schlimmeres passierte, gabs lieber Tabetten. Nach all den Achterbahnfahrten, den hellen und dunklen Tagen, den Ups und Downs, allen Nebenwirkungen und den Recherchen und Hintergrundinfos weiß ich, dass ich alles richtig gemacht habe, indem ich mich so sehr gegen die Tabletten wehrte, die einem wie Smarties hinterher geworfen werden. Diese Dinger sind Waffen und Placebos in einem. Sie gehören, wenn überhaupt,  in den Notfallschrank und müssen unbedingt intensiver erforscht werden.

| Photo by Sam Manns on Unsplash

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One comment

  1. […] und Verhaltenstherapie nicht geschafft haben. Ich bin nicht gegen Therapie, aber gegen Antidepressiva. Die Tabletten kommen aus der Hölle und bringen einen langfristig genau da hin. Verhaltenstherapie […]

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