Depression

Ratschläge sind auch Schläge

was tun bei Depression

Immer wieder lese ich von guten Ratschlägen bei Depressionen. Überall wimmelt es von Tipps und Tricks bei depressiver Stimmung und Burnout. Das ist meistens sehr gut gemeint, trifft die Betroffenen aber mitten in die Fresse. Auch mich machen diese Tipps wütend, aber hinterfragt habe ich das nie.

Wieso sind diese Ratschläge so hässlich?

Ratschläge sind auch Schläge.

Liest man Artikel oder googelt Begriffe wie „Burnout“ oder „Depression“ flattert ein Tipp nach dem anderen über den Bildschirm. 

„Regelmäßiger erholsamer Schlaf ist das Wichtigste“ schreibt ein Portal. Aus dem Kalten trifft eine Faust meinen rechten Nasenflügel.
„Du fühlst dich antriebslos? Genau jetzt würde dir Sport guttun.“ lese ich in einem Artikel. Eine Hand greift nach meinen Haaren und zwingt mich in die Knie.
„Versuche negative Gedanken nicht so ernst zu nehmen.“ schreibt jemand in einem Blogeintrag. Eine große dunkle Sohle gibt mir ein Knockout. 

Verprügelt sitze ich auf dem Boden und kann diese Arroganz der geschriebenen Worte nicht fassen. Ich fühle mich veräppelt, nicht wahrgenommen und belogen. Mich beschleicht das Gefühl, für dumm verkauft zu werden. Als wäre ich ein Mensch, der nicht lebensfähig ist. Dabei mache ich mir Gedanken um das Leben, mehr als wohl jeder stumme Roboter da draußen. Weiß dieser Rat-Geber, der den Scheiß geschrieben hat überhaupt wovon er spricht?

Ratschlag #1: Regelmäßiger Schlaf bei Depressionen.

Jeder Idiot weiß, dass Schlafmangel und unregelmäßiger Schlaf einem irgendwann das Genick brechen. In einer depressiven Episode schleicht sich ein unregelmäßiger Schlaf auf leisen Sohlen an, setzt sich heimlich auf den Stuhl neben dein Bett und fängt an zu flüstern. Du wirst nachts wach, hörst irgendwen labern, aber drehst dich wieder um. Der unregelmäßige Schlaf merkt, dass du ihm nicht zuhörst und wird lauter. Er wird so laut, dass du nachts wachliegst, während er dir erzählt, was du wieder alles nicht gemacht hast und was du alles nicht kannst. Tagelang liegst du nachts wach und findest nicht in den Schlaf. Du weißt genau, dass du diesen Schlaf benötigst und langsam zehrt es an deinen Nerven. Mittlerweile hast du sogar Angst vor der Nacht und der Schlaflosigkeit. Und dann werden dir Ratschläge erteilt, die dich darauf hinweisen, dass regelmäßiger Schlaf das Wichtigste ist. Fuck you, aber ganz doll!

schlaf und Depression

Ratschlag #2: Regelmäßiger Sport hilft bei Depressionen.

Jetzt mal Klartext: Regelmäßiger Sport hilft doch bei allem.

Du willst abnehmen? Mach Sport. 
Du hast Rückenschmerzen? Mach Sport.
Du hast eine Schreibblockade? Mach Sport
Du hast Liebeskummer? Mach Sport.
Du laberst zu viel? Halt die Fresse.

Wissen diese Schlaumeyers, wie es ist, schwer wie Blei zu sein, während sogar der Weg zum Klo ein Kraftakt ist? Ich rede davon, dass das Liegen ein Kampf ist, jeder Schritt ein Terrorakt, wenn sogar der Schlaf unser Feind geworden ist. Wie soll man denn Sport machen, wenn der Körper nicht regenerieren kann, wenn er nicht einmal schlafen kann?

running girl

Wir schlafen tagsüber, weil wir jeden Schlaf, den wir bekommen können, willkommen heißen. Natürlich ist das unregelmäßig, das ist aber besser, als durchzudrehen. Also nehmen wir den Mittagsschlaf in Kauf, um uns danach selbst niederzumachen, weil wir es nicht schaffen, wie jeder andere Mensch regelmäßig zu schlafen. Wie sollen wir regelmäßig schlafen, Sport treiben, spazieren gehen, Freunde treffen, ein Buch lesen, regelmäßig und ausgewogen Essen, über unsere Probleme reden und meditieren, einen Arzt aufsuchen, einen Therapeuten finden, wenn nicht einmal unsere Gründbedürfnisse gestillt werden können?

Zudem sind wir schon Monate, vielleicht sogar Jahre über unsere Grenzen gegangen und haben unserem Körper nicht das gegeben, was er benötigt und jetzt kommen irgendwelche Artikel, die erzählen, was gut für uns ist?

Wir brauchen keine Ratschläge, wir brauchen eine Gesellschaft, in welcher Krankheiten wie Depressionen und Burnout nicht entstehen

Wir brauchen keine vorgefertigten Ratschläge, die einem über den Kopf gezogen werden, um mit uns Topfschlagen zu spielen. Ratschläge, Tipps und Tricks sind vielleicht gut gemeint, aber können niemals auf jeden Topf passen. Diese Weisheiten sind Krümel für ausgehungerte Seelen. Die Tipps treffen uns tief in der Magengegend, weil wir realisieren, dass wir sie nicht umsetzen können.

Wir stehen alle an verschiedenen Stellen und genau das macht diese Krankheit so tückisch.

Wir brauchen individuelle Hilfe, keine Tabletten, die nicht helfen und unseren Körper langfristig schädigen, sondern Hilfe, die uns dort abholt, wo wir im Moment stehen. Wir brauchen ein System, in dem wir keine sechs Monate warten müssen, bis wir einen Therapeuten finden. Wir brauchen keine psychosomatischen Kliniken, die mit uns ein vorgefertigtes Programm einstudieren, als wären wir Zirkuspferdchen, die sich im Kreis Bälle zuspielen. 

Wir brauchen eine Gesellschaft, die versteht, dass sie die Mutter dieser Krankheiten ist und an einigen Schrauben drehen muss. Wir brauchen präventive Maßnahmen und Menschen, die nicht herabschauend auf die Loser der Nation blicken, die mal wieder an Depressionen leiden. Wir brauchen mehr Menschlichkeit und einen Zugang zu unseren Bedürfnissen, Gefühlen und mehr Liebe zu uns selbst. 

Wenn wir endlich wieder die Sprache unseres Körpers verstehen, werden unserer Depressionen verschwinden.


|Photos by Photo by Matheus Ferrero, Gregory Pappas and Dustin Scarpitti

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